Interview mit Lisa McCormick

Lisa McCormick ist eine US-amerikanische Singer/Songwriterin, Musiklehrerin und Ukulele Guru. In ihrem Unterricht nutzt sie die Gateless Methode, die auf der neurologischen Erkenntnis basiert, dass negative Kritik die Kreativität beeinträchtigt. MUSEDU hat mit der Musikerin über ihre Philosophie gesprochen.

Lisa, du bist Gateless-Lehrerin. Gateless ist eine Methode, die hauptsächlich im kreativen Schreiben eingesetzt wird, aber nicht darauf beschränkt ist. Erzähle uns mehr darüber.

Gateless Writing entstand aus Studien der Begründerin Suzanne Kingsbury. Sie hat erforscht, wie wir auf Dinge reagieren, die wir als negativ und angreifend empfinden – im Gegensatz zu positiv und ermutigend. Unsere Gehirne zeigen dabei eine nachweisbare physiologische Reaktion, es geht also nicht nur darum, wie wir „eine Bemerkung auffassen“.

Suzanne leitete Gateless-Schreibsalons in meiner Nähe. Sie begann die Salons mit einer Entspannungsübung und gab dann einen Schreibimpuls, wie ein Gedicht oder eine Szene. Nach zwanzig Minuten lasen wir einander freiwillig vor, was wir geschrieben hatten. Es gab spezielle Regeln, wie wir auf die Texte reagieren sollten: Wir sollten auf das achten, was wir an ihnen liebten. Das konnte eine bestimmte Formulierung sein, oder eine Beschreibung. Wir haben uns immer genau auf das bezogen, was der/die AutorIn geschrieben hatte. Indem wir nie davon ausgegangen sind, dass etwas autobiographisch ist, haben wir die Anonymität gewahrt.

Das Feedback für die Schreibenden bestand darin, dass sie ein Gefühl dafür bekamen, wie sie uns mit ihren Texten berührt hatten. Das ist gelebte Gateless-Praxis. Wir arbeiten mit dem Positiven. Keine Schmeicheleien, sondern ein direktes: „Das und das hat mir gefallen.“ Es geht nicht ums eigentliche Handwerk („wenn du diesen Aufsatz veröffentlichen willst, solltest du…“), und es ist keine Literaturkritik. Was die Schreibenden mitgenommen haben, war: „Die anderen waren ja wirklich begeistert von meinen Dialogen.“ Es zeigt, was anderen am eigenen Text gefällt – und daran kann man viel lernen.

Wie setzt du die Gateless-Methode in deinem Musikunterricht ein?

Ich wurde als Gateless-Lehrerin ausgebildet und irgendwie hat es sich nach und nach in meinen Musikunterricht eingeschlichen. Ich arbeite hauptsächlich mit erwachsenen Anfängern, die keine Musikerkarriere anstreben. Sie musizieren nur für sich. Also muss man sie nicht in derselben Weise kritisieren, wie es im Profi-Bereich vielleicht erforderlich ist. Wenn meine MusikschülerInnen spielen, ist es ähnlich wie in einem Schreibsalon. Sie sind nervös und sagen: „Ich habe das zuhause besser gespielt“. Ich höre ihnen dann zu, voller Anerkennung für ihren Mut. Das Musizieren macht sie verletzlich, also muss ich sie schützen und ihnen ein sicheres Gefühl geben.

Wenn jemand sagt: „Ich habe neun Fehler gemacht!“, antworte ich: „Die erste Zeile hat sich wunderschön angehört. Ich fand es toll, wie du diesen Turnaround geschafft hast, den wir besprochen hatten. Man sieht, dass sich das Üben ausgezahlt hat…“ Ich zähle alle Dinge auf, die mir gefallen. Natürlich wollen wir technische Details verbessern, also geht es im Musikunterricht auch darum, Problemstellen zu identifizieren und daran zu arbeiten.

Und dafür nutzt du deine Unterrichtsphilosophie „Note2Self“…

Genau. Ich frage immer: „Was hat dich selbst gestört?“ Ich lade meine SchülerInnen ein, sich an ihr Spiel zu erinnern und es selbst zu überprüfen. Das ist die Grundlage meiner Unterrichtsphilosophie „Note2Self“, die aus Gateless hervorgegangen ist. Wo haben sich die Noten in der Musik für dich nicht richtig angefühlt? Mache dir eine gedankliche Notiz dazu. Sprachliche Notizen, musikalische Noten und wir selbst bleiben dabei im ständigen Austausch. Wie erleben wir das Musizieren, mit unserem Ich, unserem Körper und unserem Herzen? Die innere Einstellung dabei ist: „Ich liebe, was ich tue, weil mir gefällt, wohin es mich führt.““

MusikerInnen sind in ihrer Ausbildung oft harscher Kritik ausgesetzt. Machst du in der Community Werbung für deine Methode?

Ich habe eine Menge SchülerInnen, aber keine große Gemeinschaft von LehrerInnen. Es gibt ziemlich viel Konkurrenz zwischen Männern und Frauen im Musikbusiness. Männer sprechen nicht gern darüber, wie sie unterrichten. Von meinen SchülerInnen hat jede/r einzelne Entmutigung erfahren. Wenn ich in meinen Workshops frage: „Ist dir schon einmal etwas passiert, was dir das Gefühl gab, dass du unmusikalisch bist?“, dann heben alle die Hand.

Suzanne Kingsbury, die Gateless-Begründerin, spricht viel über die neurologischen Auswirkungen negativer Erinnerungen. Was deine Seele als Angriff wahrnimmt, aktiviert deinen „Kampf-oder-Flucht-Modus“. Das kann ein verletzender Kommentar sein, den mein Musiklehrer gemacht hat, als ich sieben Jahre alt war. Wenn ich also heute ans Musizieren denke, werde ich nervös. Das ist neurologisch, wir können es nicht ändern. Gleichzeitig setzt Musik auf natürliche Weise Serotonin, Dopamin und Oxytocin frei – Stoffe in unserem Gehirn, die Glück, Entspannung und Kreativität fördern.

Musik ist Teil unseres menschlichen Daseins, sie ist Teil der Evolution. Es gibt keine Kultur ohne Musik. Sie schafft Gemeinschaft. Sie ist uns angeboren. Die Neurowissenschaft belegt das. Wenn dieser Impuls also in jungen Jahren einen Dämpfer erfährt, ist das eine große Sache, denn es betrifft den Kern unseres Menschseins. Man muss es nicht gut können – aber man sollte kein Leben führen müssen, in dem man sich fürs Musizieren schämt oder es vermeidet.

Das Profi-Niveau ist dann eine ganz eigene Kultur. Da geht es nicht nur um das Verhältnis mit der Lehrkraft, sondern auch darum, was Kultur und Gesellschaft von den KünstlerInnen erwarten. Das ist bei Amateuren anders. Übrigens liebe ich das Wort „Amateur“ – es bedeutet, „eine Person, die liebt“. Ich bin also auch eine Amateurin. Ich mache Musik, weil ich es liebe, und aus keinem anderen Grund. Das bringe ich auch anderen bei. Man sollte mit Stolz sagen können „Ich bin Amateur!“

Welche Art von Musikworkshops bietest du an?

Ich veranstalte Retreats, bei denen die Leute 2-3 Tage lang zusammenkommen, wie zum Beispiel das jährliche „Ukulele-Retreat für Frauen“. Das ist ein spirituelles Retreat voller Frauen und Musik. Sie genießen es, mit Liederbüchern und Schwestern im Geiste zusammen zu sein, an einem Ort voll weiblicher Energie. Dort unterrichte ich Grundlagen wie Transponieren und kombiniere Musiktheorie mit lustigen Übungen. Und Pentatonica. Dabei erkunden wir die heilige Geometrie der Pentatonik. Ich setze dabei eine Klangschale aus Kristall ein. Der Raum ist voller Menschen, die Töne der pentatonischen Tonleiter spielen. Sie vermischen sich auf magische Weise mit dem tiefen C meiner Klangschale. Eine Klangschale aus Kristall ist schwer und zerbrechlich und klingt ähnlich wie ein Gong. Wenn man mit dem Klöppel über den Rand reibt, ist es, als würde man auf einem Weinglas spielen, aber mit einem tiefen C. Dieser Ton passt zur einfachsten Pentatonikskala auf der Ukulele. Das gibt meinen TeilnehmerInnen die Möglichkeit, zu improvisieren und in den Flow zu kommen.

Als ich zum ersten Mal Pentatonica gemacht habe, war es sensationell! Im Raum waren mindestens zwanzig Frauen. Jede von ihnen spielte etwas anderes in einem anderen Tempo und in einer anderen Reihenfolge, aber das war egal. Es klang, als ob wir im Kristallhimmel wären. Wunderschön. Alle waren fasziniert. Und sie hatten dieses tiefe Erfolgserlebnis, schöne Musik zu machen, ohne dass es schwierig ist. Damit vertreiben sie die Zweifel an ihrer eigenen Musikalität aus ihren Köpfen. Das kann einiges bewegen.

Welche Erfahrungen hast du mit Online-Unterricht gemacht?

Es geht viel besser als ich dachte. Normalerweise möchte ich die Leute unbedingt persönlich sehen, also habe ich mich lange gegen Online-Unterricht gewehrt. Aber momentan haben wir einfach keine andere Wahl. Auch auf Zoom fokussieren wir uns immer auf das Positive. Ich gehe dabei mit gutem Beispiel voran und es freut mich, zu sehen, wie die anderen mitziehen. Wenn sich die „Anführerin“ einer Gruppe wertschätzend verhält, kommt das auch von den anderen TeilnehmerInnen zurück. Online kommen dabei Menschen aus aller Welt zusammen, die sonst keine Verbindung zueinander haben. Und doch verhalten sie sich alle wie eine enge Gemeinschaft, die dieselbe Leidenschaft teilt. Darum sind wir hier.

Lisa bietet derzeit einen kostenlosen 6-wöchigen Online-Ukulele-Kurs für AnfängerInnen an. Dazu gibt es wöchentliche Zoom-Meetings. Auch für fortgeschrittenere MusikerInnen gibt es Online-Workshops (Details siehe Website).

(Porträtphoto: ©Rebekah Willey)