{"id":4706,"date":"2024-10-21T16:12:00","date_gmt":"2024-10-21T14:12:00","guid":{"rendered":"https:\/\/musedu.at\/?p=4706"},"modified":"2024-12-19T15:57:47","modified_gmt":"2024-12-19T14:57:47","slug":"hinter-den-kulissen-ii","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/musedu.at\/de\/hinter-den-kulissen-ii\/","title":{"rendered":"Hinter den Kulissen II"},"content":{"rendered":"<p>Der <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/www.musikverein.at\" target=\"_blank\">Wiener Musikverein<\/a> ist weltber\u00fchmt: Immerhin wird das allj\u00e4hrliche Neujahrskonzert im  \u201egoldenen Saal\u201c in \u00fcber 90 L\u00e4nder \u00fcbertragen. Wer Musik liebt, hat also sicher zumindest im Fernsehen schon einmal eines der Konzerte genossen und dabei die prunkvolle Ausstattung bewundert. Eine \u00f6ffentliche F\u00fchrung gab uns k\u00fcrzlich Einblicke in Details, die uns beim Konzertbesuch bisher verborgen geblieben sind.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Das Haus der Gesellschaft der Musikfreunde nahe der Wiener Ringstra\u00dfe wurde Anfang 1870 er\u00f6ffnet. Schwerpunkt der F\u00fchrung ist \u2013 wie k\u00f6nnte es anders sein \u2013 der Gro\u00dfe Saal mit rund 2000 Sitz- und Stehpl\u00e4tzen. Christina, unser Guide, weiht uns ein: Die edlen Materialien, die dem \u201egoldenen Saal\u201c seinen Namen geben, sind gar nicht echt! Ungl\u00e4ubige Blicke. Doch tats\u00e4chlich, der Klopftest beweist: Hinter Gold und Marmor verbergen sich Holz und Gips. \u201eDie Musikfreunde hatten als private Gesellschaft nicht die finanziellen Mittel daf\u00fcr\u201c, erkl\u00e4rt Christina. Der positive Effekt: Holz ist ein guter akustischer Leiter. Weitere bauliche Faktoren tragen dazu bei, dass dieser Saal klanglich weltweit als einer der besten f\u00fcr klassische und romantische Musik gilt: Unter dem Holzboden des Saales liegt ein Hohlraum als Resonanzk\u00f6rper, und die h\u00f6lzerne Raumdecke ist am Dachstuhl aufgeh\u00e4ngt, damit der Klang im Raum schwingen kann.<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignright size-full is-resized\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"600\" height=\"400\" src=\"https:\/\/musedu.at\/wp-content\/uploads\/Musikverein_Goldener_Saal.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4686\" style=\"width:370px;height:247px\" srcset=\"https:\/\/musedu.at\/wp-content\/uploads\/Musikverein_Goldener_Saal.jpg 600w, https:\/\/musedu.at\/wp-content\/uploads\/Musikverein_Goldener_Saal-300x200.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 600px) 100vw, 600px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Goldener Saal des Wiener Musikvereins<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n<p>\u00dcberall im Saal erkennen wir mythologische Figuren und Elemente, die an die griechische Architektur erinnern. Der d\u00e4nische Architekt Theophil Hansen hatte lange in Athen gelebt und sich dort inspirieren lassen. Blicken wir nach oben, sehen wir Deckengem\u00e4lde mit Apollo und den Musen, die Seitenw\u00e4nde zieren \u201eKaryatiden\u201c, weibliche S\u00e4ulenfiguren. \u201eAnders als in antiken Tempeln haben diese Figuren hier allerdings keine statische Funktion\u201c, sagt Christina. Aber auch sie tragen \u2013 wie die Balkone und Gesimse \u2013 dazu bei, dass die Schallwellen optimal gestreut werden. F\u00fcr Theaterauff\u00fchrungen eignet sich der Gro\u00dfe Saal allerdings nicht. Das liegt an der langen Nachhallzeit: Dass sich der Ton so lange im Raum h\u00e4lt, ist f\u00fcr gesprochene Sprache nicht optimal.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Ohnm\u00e4chtige Damen und exerzierende Truppen<\/h3>\n\n\n\n<p>Guide Christina l\u00e4sst die Geschichte lebendig werden. Wir erfahren, dass Anton Bruckner noch auf der Orgel im Gro\u00dfen Saal unterrichtet hat, und dass Johannes Brahms drei Jahre lang k\u00fcnstlerischer Leiter des Musikvereins war. \u201eEs war wohl nicht einfach, mit Brahms zusammenzuarbeiten\u201c, so Christina, \u201eaber er hat dem Musikverein seinen gesamten Nachlass vermacht.\u201c Im 19. Jahrhundert wurden die Damen in der Sommerhitze reihenweise ohnm\u00e4chtig, und so hat man sich entschieden, im August mit dem Spielbetrieb zu pausieren. Diese Sommerpause hat man bekanntlich bis heute beibehalten. Auch gegen die K\u00e4lte gab es damals ein Rezept: \u201eIm Winter haben hier vor Konzerten die Truppen von Kaiser Franz Joseph exerziert und den Saal mit ihren K\u00f6rpern aufgeheizt.\u201c Wir staunen \u2013 und sind froh, dass es heute Heizung und Klimaanlage gibt.<\/p>\n\n\n\n<p>Das erste Neujahrskonzert fand 1939 statt: Wien wollte damit nach dem \u201eAnschluss\u201c ans Deutsche Reich seine Identit\u00e4t bewahren und sich vom Berliner Neujahrskonzert abgrenzen. Bis heute werden dabei am 30. und 31. Dezember und am 1. J\u00e4nner vor allem \u00f6sterreichische Komponisten gespielt. Alle Konzerte werden \u00fcbrigens aufgezeichnet, falls etwas schiefgeht. \u201eWenn man auf den Videos genau hinschaut, wechselt manchmal das Publikum\u201c, so Christina. Was man auf den Aufzeichnungen nicht sieht: Nach der letzten Auff\u00fchrung darf das Publikum den Blumenschmuck pfl\u00fccken. \u201eDas ist ein lustiges Bild, wenn die eleganten Damen die Blumen rausrei\u00dfen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Wer das alles einmal live erleben m\u00f6chte, muss auf sein Gl\u00fcck vertrauen: Die Kaufm\u00f6glichkeit der Tickets f\u00fcrs Neujahrskonzert wird per Lotterie verlost. Dabei gibt es f\u00fcr 6000 Tickets teilweise 500 000 Bewerber. Abseits dieses popul\u00e4ren Konzert-Highlights gibt es aber jede Menge M\u00f6glichkeiten f\u00fcr Klangerlebnisse: In den zwei historischen und drei modernen S\u00e4len finden im regul\u00e4ren Spielbetrieb an 300 Tagen 800 Konzerte statt.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Brahmssaal, der kleinere historische Saal, erinnert an einen griechischen Tempel und ist ideal f\u00fcr Kammermusik. Hier hat Clara Schumann das Er\u00f6ffnungskonzert gespielt. Sie ist \u00fcbrigens die einzige Komponistin, die im Musikverein mit einer B\u00fcste verewigt wurde \u2013 man findet sie im Treppenaufgang. Im Brahmssaal gibt es Seiten- und Deckenfenster, denn die Konzerte fanden dort fr\u00fcher \u00fcberwiegend bei Tageslicht statt. Da so viel Holz verbaut wurde, waren Gaslampen gef\u00e4hrlich. \u201ePfeifen war damals verp\u00f6nt\u201c, wei\u00df Christina, \u201edenn man hatte Angst, dass bei hohen Frequenzen die Gaslampen explodierten.\u201c<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Perfekter Klang direkt neben der U-Bahn<\/h3>\n\n\n\n<p>In den fr\u00fchen 2000er-Jahren kamen die modernen Konzerts\u00e4le hinzu, namentlich der gl\u00e4serne, metallene und steinerne  Saal, benannt nach ihren Baumaterialien. Einen h\u00f6lzernen Saal gibt es auch noch, aber dort finden keine Konzerte statt. Die modernen S\u00e4le liegen vier Meter unter der Erde \u2013 auf demselben Niveau wie die U-Bahn. Wie kann das funktionieren? Christina erkl\u00e4rt: \u201eDer Bau der S\u00e4le wurde damals mit dem Ausbau der U-Bahn koordiniert und obendrein war der Baumeister selbst Akustiker. Darum h\u00f6rt man die U-Bahn in den S\u00e4len nicht.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Vom gl\u00e4sernen Saal erfahren wir, dass er die perfekte Probeb\u00fchne ist: \u201eDie Nachhallzeit ist k\u00fcrzer als im Gro\u00dfen Saal, dadurch h\u00f6rt man die Fehler besonders gut.\u201c Der Saal eignet sich auch f\u00fcr musikalische Lesungen, Jazz und moderne Musik. Bevor er im Jahr 2004 er\u00f6ffnet wurde, hat man ein Jahr lang Feedback von den Musikern gesammelt. \u201eDeshalb hat man auf der gl\u00e4sernen Galerie nachtr\u00e4glich noch einen grauen Sichtschutz angebracht\u201c, verr\u00e4t Christina. \u201eDie Musiker f\u00fchlten sich davon abgelenkt, dass sie den Frauen unter die R\u00f6cke schauen konnten.\u201c Zuh\u00f6rerinnen d\u00fcrften sich \u00fcber diese Verbesserung freuen. Und wir freuen uns, in einer knappen Stunde einen kurzweiligen Blick hinter die Kulissen dieses Traditionshauses bekommen zu haben. (\u00dcber einen  \u2013 ebenso aufschlussreichen \u2013 Besuch im Wiener Konzerthaus, berichten wir \u00fcbrigens im <a href=\"https:\/\/musedu.at\/de\/hinter-den-kulissen\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">ersten Teil dieser Mini-Serie<\/a>).<\/p>\n\n\n\n<p><em>Die \u00f6ffentlichen F\u00fchrungen im Wiener Musikverein finden normalerweise montags bis freitags statt, in deutscher und englischer Sprache. Weitere Infos, Termine und Tickets auf der <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/www.musikverein.at\/fuehrungen\" target=\"_blank\">Website<\/a>.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>(Credits: Titelfoto: <em>\u00a9<\/em>Bwag\/Commons; goldener Saal: <em>\u00a9<\/em>Clemens Pfeiffer)<\/em><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Wiener Musikverein ist weltber\u00fchmt: Immerhin wird das allj\u00e4hrliche Neujahrskonzert im \u201egoldenen Saal\u201c in \u00fcber 90 L\u00e4nder \u00fcbertragen. Wer Musik liebt, hat also sicher zumindest im Fernsehen schon einmal eines &#8230; <a title=\"Hinter den Kulissen II\" class=\"read-more\" href=\"https:\/\/musedu.at\/de\/hinter-den-kulissen-ii\/\" aria-label=\"Mehr zu Hinter den Kulissen II\">Weiterlesen &#8230;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":4697,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_monsterinsights_skip_tracking":false,"_monsterinsights_sitenote_active":false,"_monsterinsights_sitenote_note":"","_monsterinsights_sitenote_category":0,"generate_page_header":"","footnotes":""},"categories":[6],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/musedu.at\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4706"}],"collection":[{"href":"https:\/\/musedu.at\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/musedu.at\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/musedu.at\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/musedu.at\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=4706"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/musedu.at\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4706\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":4822,"href":"https:\/\/musedu.at\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4706\/revisions\/4822"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/musedu.at\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/4697"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/musedu.at\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=4706"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/musedu.at\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=4706"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/musedu.at\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=4706"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}