{"id":3805,"date":"2020-08-14T17:16:45","date_gmt":"2020-08-14T15:16:45","guid":{"rendered":"https:\/\/musedu.at\/?p=3805"},"modified":"2020-08-17T12:55:47","modified_gmt":"2020-08-17T10:55:47","slug":"interview-mit-lydia-maria-bader","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/musedu.at\/de\/interview-mit-lydia-maria-bader\/","title":{"rendered":"Interview mit Lydia Maria Bader"},"content":{"rendered":"<p>Die deutsche Pianistin <a href=\"https:\/\/www.lydiamariabader.com\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Lydia Maria Bader<\/a> hat im Juni 2020 ihre CD <em>Chinese Dreams<\/em> herausgebracht. Ein spannendes Konzept, per Crowdfunding realisiert. MUSEDU hat mit der K\u00fcnstlerin gesprochen, die von der chinesischen Presse als \u201eGerman Piano Princess\u201c gefeiert wird.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p><strong>Seit \u00fcber 10 Jahren bist du regelm\u00e4\u00dfig auf Konzertreisen in China &#8211; und seit 2016 Kulturbotschafterin der Provinz Gansu. Wie wird man Kulturbotschafterin?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die Chinesen vergeben gern Titel und sch\u00f6ne rote Urkunden. Sie haben sich unglaublich gefreut, dass ich in diese abgelegene Gegend gekommen bin. Dort kommen normalerweise keine gro\u00dfen K\u00fcnstler hin. Ich habe mehrere Konzerte gespielt und das war ein Aush\u00e4ngeschild f\u00fcr die Region. Es gab einen Wettbewerb f\u00fcr Kinder, wer in meiner Konzertpause spielen durfte. Das Konzept des Klavierabends ist au\u00dferhalb der gro\u00dfen St\u00e4dte nicht so bekannt. Pausen waren vor bis vor einigen Jahren nicht \u00fcblich, es gibt keine Pausenbewirtung. Wenn man eine Pause macht, gehen die Zuh\u00f6rer nach Hause. Ich habe schon bei meiner ersten Tour 2009 gesagt, ich brauche unbedingt eine Pause \u2013 im chinesischen S\u00fcden bei 40 Grad. Dann war das Problem: wie f\u00fcllt man diese Pause? So haben die lokalen Kinder gespielt und ich habe noch einen kleinen Meisterkurs gegeben. So wird das oft ein Riesen-Event, und als Geste der Wertsch\u00e4tzung habe ich diesen Titel verliehen bekommen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Das Besondere an deiner CD <\/strong><em><strong>Chinese Dreams<\/strong><\/em><strong> ist der Br\u00fcckenschlag zwischen den Kulturen. Du hast nicht nur chinesische Musik aufgenommen, sondern auch St\u00fccke von westlichen Komponisten, die von China beeinflusst wurden. Was steckt hinter diesem Konzept?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ich bin so fasziniert von dem Land. Man l\u00e4uft abends \u00fcber einen Markt, und da sind so viele Sinneseindr\u00fccke, Kl\u00e4nge und Ger\u00fcche. Nach einer eindrucksvollen Tour 2017 wollte ich diese Stimmung teilen. Auch wenn ich dort immer viele Fotos und Videos mache, ist mein Medium nat\u00fcrlich die Musik. So kam die mir die Idee, dazu ein Konzertprogramm zu machen. Die Alben mit chinesischer Musik, die es gibt, wurden von chinesischen Pianisten aufgenommen. Ich als Deutsche kann das nicht so machen. Also habe ich recherchiert und bin auf die Alt-China Suite von Walter Niemann gekommen. Dort steht im Vorwort: \u201eGlaube mir, wenn ich, ein Deutscher, mich einmal mit dir nach China tr\u00e4ume.\u201c Ich dachte: genau das ist es. Ich nehme dich an die Hand und wir tr\u00e4umen uns gemeinsam nach China. Auch von den anderen westlichen Komponisten auf meiner CD war niemand dort. Ihre Vorstellung trifft auf das tats\u00e4chliche China.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Wie nah kommt diese musikalische Vorstellung dem tats\u00e4chlichen China?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die Stimmungen sind sch\u00f6n eingefangen. Das St\u00fcck \u201eRush Hour in Hong Kong\u201c von Abram Chasins ist auf den Punkt getroffen. Man muss aber sagen, dass die chinesische Kunstmusik auch schon nicht mehr das \u201eOriginal\u201c ist, sondern die Komponisten bereits selbst stark von westlicher Musik beeinflusst wurden. Ende des 19. Jahrhunderts hatte die klassische Musik unter chinesischen Berufsmusikern einen hohen Stellenwert. Es gab Konservatorien und die bekannten Lehrer waren Chinesen, die im Ausland studiert hatten oder westliche Ausl\u00e4nder. Shanghai war ein Zentrum f\u00fcr Migranten \u2013 es gab viele Russen, die vor der russischen Revolution gefl\u00fcchtet waren. Der Standard war hoch, die Kunstmusik war in China angekommen, aber nur in einer bestimmten Schicht. Um volksn\u00e4her zu werden, wurden die Komponisten angehalten, chinesische Elemente einzubauen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Und dann kam in den Sechzigerjahren die Kulturrevolution&#8230;<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ja, in der strengen Phase der Kulturrevolution wurde das Klavier als westliches Instrument verboten. Es wurde unter der Auflage wieder zugelassen, dass nur St\u00fccke komponiert werden d\u00fcrfen, die sich auf die nationale musikalische Identit\u00e4t beziehen. In der Zeit wurde von Madame Mao das <em>Yellow River Concerto<\/em> in Auftrag gegeben. Es hat gedauert, bis die Komponisten wieder frei komponieren durften. Sie sind weit gereist, um im ganzen Land Volkslieder zu sammeln. Es gibt ein relativ begrenztes nationales Liedgut. Ich sehe immer wieder St\u00fccke, die sich auf die gleichen Melodien beziehen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Wie empfindest du in China die Konzertatmosph\u00e4re?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Es kommt sehr darauf an, wo man spielt. Bei meinem ersten Konzert sa\u00dfen sie mit Leuchtst\u00e4ben im Publikum. Es war eine unglaubliche Ger\u00e4uschkulisse, die auch nicht leiser wurde, als ich anfing, zu spielen. Ich war die erste Europ\u00e4erin, die jemals dort aufgetreten ist. Klar, dass es da nicht um Feinheiten bei irgendwelchen Beethoven-Sonaten ging. Das hat sich in den Jahren ziemlich ver\u00e4ndert. Mittlerweile werden auch Einf\u00fchrungen gegeben, wie man sich im Konzert verh\u00e4lt. Dass man nicht essen oder reden soll. Oder auch zum Klatschen. Die Chinesen klatschen normalerweise kaum. Man kann froh sein, wenn man das Ende der B\u00fchne erreicht hat, bevor es aufh\u00f6rt.<\/p>\n\n\n\n<p>In St\u00e4dten wie Shanghai gibt es keinen Unterschied zu Europa. Dort k\u00f6nnte man eine Stecknadel fallen h\u00f6ren. Sch\u00f6n finde ich, dass die Chinesen gern Kinder ins Konzert mitnehmen. Ich habe auch eine gro\u00dfe Tournee speziell f\u00fcr Kinder gegeben, als Sommerprogramm. Ich finde, man muss in anderen L\u00e4ndern toleranter sein. Auch bei uns k\u00f6nnte es etwas lockerer zugehen. Wir sperren die klassische Musik in einen Elfenbeinturm, daf\u00fcr ist sie doch gar nicht komponiert worden. Als die Musik, die wir jetzt spielen, komponiert wurde, wurde nicht zwischen Unterhaltungsmusik und ernster Musik unterschieden. Oder dass zwischen den S\u00e4tzen nicht geklatscht werden darf. Wenn sich nach einem fetzigen ersten Satz die Begeisterung der Leute Bahn bricht \u2013 wo ist das Problem?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Wie entdeckst du die chinesischen Komponisten und woher bekommst du die Noten?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Am Anfang war es sehr schwierig. Meine chinesische Agentur hat mir Noten geschickt, und wenn ich die verlegt hatte, war das katastrophal. Auf meiner ersten Tour ist mir \u2013 zum Gl\u00fcck beim letzten Konzert \u2013 meine Zugabe geklaut worden! Da war es schwierig, die Noten im Internet wiederzufinden. Auch als ich f\u00fcr die CD recherchiert habe, war es schwer. Ich habe vor Ort einen ber\u00fchmten Notenband gekauft. Das war die Basis, mit der ich die Komponisten kennengelernt habe. Den Rest habe ich im Internet besorgt. In letzter Zeit wird es einfacher. Es gibt eine tolle <a href=\"https:\/\/www.purpleculture.net\/100-years-of-chinese-piano-music-bs-4\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Edition zu hundert Jahren chinesischer Klaviermusik<\/a> in zehn B\u00e4nden. Diese St\u00fccke sind nicht nur auf Volksliedbasis. Es gibt einen Band zu Opern und Balletten, Suiten und Variationen und andere, modernere Musik. Komischerweise k\u00f6nnen mir meine chinesischen Kollegen in Deutschland mit dem Thema kaum weiterhelfen. Sie interessieren sich mehr f\u00fcr das deutsche Kernrepertoire.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Wie ist der Schwierigkeitsgrad? Sind St\u00fccke darunter, die f\u00fcr Hobbypianisten machbar sind?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Nat\u00fcrlich. Den \u201eKangding Love Song\u201c auf meiner CD kann beispielsweise jeder ambitionierte Amateur spielen. Es gibt verschiedene Levels. Die Notenbeschaffung ist die gr\u00f6\u00dfere H\u00fcrde, weil es \u00fcber den lokalen Musikalienhandel noch nicht so einfach ist. Ein Band, der leicht erh\u00e4ltlich ist, ist <em>30 Famous Pieces of Chinese Piano Music<\/em>, herausgegeben von Wei Tingge. Den gibt es u.a. als <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/books.google.de\/books?id=4EJyDwAAQBAJ&amp;pg=PT3&amp;dq=30+chinese+pieces&amp;hl=de&amp;sa=X&amp;ved=2ahUKEwiggaOBiaLrAhWRoFwKHVycD60Q6AEwAHoECAQQAg#v=onepage&amp;q=30%20chinese%20pieces&amp;f=false\" target=\"_blank\">Google e-Book<\/a> oder bei <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/www.amazon.com\/Famous-Pieces-Chinese-Piano-Music-ebook\/dp\/B07DK62XSN\" target=\"_blank\">Amazon<\/a> f\u00fcr den Kindle.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Was sind deine aktuellen Projekte &#8211; ist die n\u00e4chste chinesische CD schon geplant?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ich habe viele Konzepte f\u00fcr CDs im Kopf. Es wird auch chinesische Musik dabei sein, die ich aber in ein gro\u00dfes Oberthema integrieren werde. Ich spiele die <em>Chinese Dreams <\/em>sehr gern, aber zu Corona-Zeiten ist es noch schwieriger, mit einem ungew\u00f6hnlichen Programm ein Konzertpublikum anzulocken.<\/p>\n\n\n\n<p>Im September startet meine <em>Virtual Piano Academy<\/em>, das sind virtuelle Meisterkurse f\u00fcr Nachwuchs-Pianisten und fortgeschrittenere Amateure. Das erste Thema wird \u201eBoost your practice\u201c sein. Da geht es um kluge \u00dcbestrategien: Wie kann ich meine \u00dcbezeit besser strukturieren und mein \u00dcben auf eine andere Stufe bringen, damit ich schneller und effizienter zum Ziel komme? Das ist das Fundament von allem. Die Workshops und die Meisterkurse finden live gemeinsam in der Gruppe statt, dann haben die Teilnehmer jeweils eine Stunde Einzelunterricht bei mir. Es wird auch eine Facebook-Gruppe zum Austausch geben. Und einen Gastvortrag zu EFT, einer Klopfakupressur, mit der man Blockaden aufl\u00f6sen kann. Das hilft zum Beispiel bei Lampenfieber.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Klangbeispiele der CD \u201eChinese Dreams\u201c von Lydia Maria Bader sind auf ihrer <a href=\"https:\/\/www.lydiamariabader.com\/chinese-dreams-demo\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Website <\/a>zu h\u00f6ren. Dort gibt es auch Fotoalben mit Impressionen von ihren Tourneereisen in China.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Infos zur ersten Virtual Piano Academy \u201eBoost your practice\u201c vom 7. &#8211; 25. September 2020 gibt es <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/mailchi.mp\/432362b6789a\/piano-academy\" target=\"_blank\">hier<\/a>. <\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>(Foto: \u00a9Kaupo Kikkas)<\/em><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die deutsche Pianistin Lydia Maria Bader hat im Juni 2020 ihre CD Chinese Dreams herausgebracht. Ein spannendes Konzept, per Crowdfunding realisiert. MUSEDU hat mit der K\u00fcnstlerin gesprochen, die von der &#8230; <a title=\"Interview mit Lydia Maria Bader\" class=\"read-more\" href=\"https:\/\/musedu.at\/de\/interview-mit-lydia-maria-bader\/\" aria-label=\"Mehr zu Interview mit Lydia Maria Bader\">Weiterlesen &#8230;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":3812,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_monsterinsights_skip_tracking":false,"_monsterinsights_sitenote_active":false,"_monsterinsights_sitenote_note":"","_monsterinsights_sitenote_category":0,"generate_page_header":"","footnotes":""},"categories":[251],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/musedu.at\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3805"}],"collection":[{"href":"https:\/\/musedu.at\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/musedu.at\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/musedu.at\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/musedu.at\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=3805"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/musedu.at\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3805\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3817,"href":"https:\/\/musedu.at\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3805\/revisions\/3817"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/musedu.at\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/3812"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/musedu.at\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=3805"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/musedu.at\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=3805"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/musedu.at\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=3805"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}